Kurzandacht

Osterpredigt

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

es kommt noch schlimmer als erwartet.

Jesus war von den römischen Besatzungssoldaten als Aufrührer verhaftet worden. Nach einem Hin und Her zwischen dem hohen Rat, dem Kleinkönig Herodes und dem Gouverneur Pilatus fällt der das Todesurteil für Aufrührer und seine Soldaten setzen es um. Jesus stirbt am Kreuz. Die Jünger hatten sich versteckt, um dem Tod zu entgehen. Josef aus dem Hohen Rat bittet um Jesu Leichnam und setzt ihn in Eile vor Beginn des Sabbats am Abend in seinem eigenen Grab bei. Die Jüngerinnen und Jünger haben nicht viel geschlafen in dieser Nacht und der folgenden. Sie weinen, bis es keine Tränen mehr gibt, aber auch keinen Frieden, keinen Blick in eine gute Zukunft nach Jesus.

Ihre Gedanken drehen sich um den Tod ihres verehrten Meisters und wie er ihnen eine neue Welt eröffnet hat mit seinen Geschichten und seinem Leben. Die Welt könnte ganz anders sein, haben sie gelernt. Aber was wird nun werden ohne Jesus? Nicht einmal eine ordentliche Beerdigung hat er bekommen.

Da sehen die Frauen in der Gruppe eine Möglichkeit zu handeln. Sie besorgen sich die Zutaten für eine Einbalsamierung und machen sich auf den Weg zum Grab, als die Stadttore geöffnet werden. Niemand hält die Frauen auf, weil niemand sie für gefährlich hält.

Im Evangelium nach Markus in Kapitel 16 die Verse 1 bis 8 lesen wir:
Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?
Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.
Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.
Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.
Amen

Sie hatten sich auf die Ehrung ihres Meisters konzentriert und dabei vergessen, dass es Männer braucht, um den Stein vom Grab weg zu rollen. Und dann das: Der Stein ist weg, vielleicht Erleichterung bei den Frauen und dann ist der Leichnam weg. Nun ist selbst diese Möglichkeit zu handeln den Frauen aus der Hand genommen. Sie können gar nichts mehr für ihren Freund und Meister tun. Tiefe Hoffnungslosigkeit ergreift sie, Angst und Verzweiflung. Vielleicht haben sie nicht einmal die Worte des Jünglings im Grab wirklich gehört. So dick ist der Panzer der Trauer und des Erschreckens. Nichts geht mehr. Die Frauen fliehen und bleiben stumm. Das ist das Ende des Markusevangeliums. Das Schweigen der Frauen, ihre Angst und die Angst der Jünger.

Aber Markus kann diese Geschichte nur erzählen, weil die Jüngerinnen und Jünger nicht mehr geschwiegen haben. Weil sich etwas geändert hat, weil aus Todesangst, Todesmut geworden ist, das Evangelium allen Menschen zu erzählen. Weil das Wort des Jünglings wahr und wirklich ist. Weil Jesus nicht tot, sondern erlebbar und lebendig ist und mit ihnen auf den Wegen durch die ganze Welt.

Er ist nicht hier, ist die Botschaft des Jünglings. Ihr könnt ihn nicht mehr erreichen. Aber er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Ihr könnt ihn nicht mehr erreichen, aber er euch. Er geht und ihr folgt.

Er ist nicht hier. Sie ist nicht hier. Ist die Botschaft bei einer christlichen Bestattung. Sein Körper, ihre Asche sind hier an diesem Ort, auf diesem Friedhof. Er und sie sind es nicht. Weil er ihnen vorangegangen ist, weil er ihnen den Weg in die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott geöffnet hat.

Er ist nicht hier tot auf der Straße. Sie ist nicht hier tot im Massengrab. Nicht in der Ukraine, im Kongo, in Mali, in Syrien, im Jemen, in Afghanistan. Sie sind nicht hier. Nur ihre geschundenen toten Körper sind es. Die weisen wie Zeiger auf die Täter. Weisen auf die Umstände, die zu Tätern macht. Die Lust am Töten. Die Lust an der Macht über Leben und Tod. Die Verzweiflung über die eigene Machtlosigkeit angesichts der Verhältnisse in dieser Welt.

Dennoch hat Gott den Menschen nur die Macht über die Körper und die Verhältnisse und die eigene Lust gelassen. Paulus schreibt an die Christen in Rom: Keiner von uns lebt nämlich für sich allein und keiner stirbt für sich allein. Denn wenn wir leben, leben wir mit dem Herrn, und wenn wir sterben, sterben wir mit dem Herrn. Ob wir nun leben oder sterben, wir gehören dem Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und lebendig geworden, damit er über die Toten wie über die Lebenden Herr sei.

Das zu verstehen hat nicht das Sterben der Jünger verändert, das Christentum wäre eine kurzzeitige Sterbereligion gewesen. Diese Botschaft Er ist nicht hier, er geht euch voraus in eure eigene Welt. Er hat ihr Leben verändert. Er hat ihnen die Angst auch vor dem schlimmsten Tod genommen und ihnen die Kraft geschenkt füreinander und für die anderen da zu sein. Zu teilen und zu heilen, zu ermutigen und zu befähigen, zu entängstigen und zu lieben. Obwohl die Welt der Menschen ist, wie sie ist, geprägt von Bosheit und Leiden, Überfluss und Hunger, Glück und Leid, Leben und Tod. Er ist auferstanden, damit wir leben und lieben können.

In einer Woche feiern die Menschen in Russland und in der Ukraine Ostern, das Fest des Lebens. Bis dahin werden zuviele Menschen sterben bis die Worte der Osterliturgie die Gläubigen und ihre Herzen erfüllen, der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Gospod' voskie, voistinu voskie.

Vielleicht wird für wenige Tage oder Stunden das Töten, die Angst und das Erschrecken unterbrochen, vielleicht wird für kurze Zeit deutlich, wie Gott die Menschen will, warum sein Weg durch den Tod ins Leben führt, damit wir leben und nicht leben nehmen.

Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat

Dirk Dempewolf, Pfarrer